Ein alter Mann

Ein alter Mann. Er schweigt. Warum? Weil er nicht glauben kann, daß das Leben mehr bietet als Leid und Elend. Er ist kinderlos geblieben. Eine Katastrophe, da doch Kinder das Auskommen im Alter sichern und den Fortbestand der Familie in der Zukunft. Doch nun ist seine Frau doch schwanger geworden. Er konnte es gar nicht glauben, als ihm der Engel das offenbarte: Gott wendet sich ihm nach all den Jahren doch noch zu? Gott meint es doch gut mit ihm? Der alte Mann schweigt. Er ist sich nicht sicher, obwohl der Bauch seiner alten Frau runder und runder wird. Dann wird das Kind geboren. Am 8. Tag ist die Beschneidung. Der Junge bekommt den Namen Johannes entgegen allen Traditionen in der Familie. „Gott hat Gnade erwiesen“ bedeutet er. Dieses Kind ist der endgültige Beweis für Zacharias, daß es stimmt: Gott ist für ihn da. Wenn er länger darüber nachdenkt, war er immer für ihn da. Er konnte es nur nicht sehen. Bis jetzt. Denn dieses Kind ist der Beweis: „Gott hat Gnade erwiesen.“ Das öffnet seinen Mund, der fest verschlossen war. Sein Herz fließt über von Dankbarkeit und Freude. Der alte Mann kann gar nicht mehr schweigen. Er muß Gott loben und preisen für dieses Wunder. Das ist ein langer Lobpreis. Zwei seiner Verse sind der Wochenspruch für Dezember:

Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. (Lk 1,78-79)

Im Advent hören wir wieder die Geschichten, die uns in der Bibel erzählt werden von dem, der uns besuchen kommt und den wir als das aufgehende Licht aus der Höhe erkannt haben. Es sind alte Geschichten, die uns jedes Jahr neu inspirieren. Geschichten von Hirten, die in der Dunkelheit der Nacht eine fremde Herde bewachen. Zu ihnen, die in Finsternis sitzen, kommt der Chor der Engel, so daß sie aufblicken und aufbrechen, um das Wunder zu sehen, das da in ihrer Nähe geschieht. Diese alte Geschichte kann sich auch in unserem Leben ereignen. Plötzlich besucht uns das aufgehende Licht, die wir sitzen in Finsternis. Zu Tode betrübte Menschen blicken voll Hoffnung auf. Der Schatten des Todes weicht der Aussicht auf neues Leben. Menschen brechen auf, um aus der Finsternis herauszutreten. So erging es Zacharias als die herzliche Barmherzigkeit Gottes in sein Leben kam. Er hatte die Hoffnung schon aufgegeben und sich mit seinem Schicksal arrangiert. Doch Gott hat gegen alle Erwartung eingegriffen. In diesem Jungen gibt es plötzlich Zukunft für den, der nicht mehr damit gerechnet hatte. So begegnet Gott auch heute noch: Er bahnt einen Pfad durch das undurchdringliche Dickicht unseres Lebens. Er eröffnet Raum, in dem wir leben können - Lebensraum. Es ist wunderbar, wenn Menschen wieder Hoffnung schöpfen und Mut zum Leben haben. Vielleicht ist Advent uns deshalb so nahe. Wir spüren, daß er eine Zeit voller Wunder ist, in der uns Gott näher kommt als sonst. Wie näher könnte Gott uns kommen als in der Gestalt dieses einen Menschen? Oder in der Gestalt eines anderen Menschen? Vielleicht begegnet er uns jetzt, um unsere Füße auf seinen Weg zu stellen. Auf den Weg des Friedens.