Die Hoffnung stirbt zuletzt

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, daß ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Röm 15,13)

Ich stand auf dem Bahnhof in Bad Homburg und wartete. Ich wartete darauf, abgeholt zu werden. Und die verabredete Zeit war schon um 20 min überschritten. So sehr ich mich umschaute: die Person, die mich abholen sollte, kam einfach nicht. So ging ich zum zweiten Ausgang, auf den Bahnsteig zurück und wieder zum Haupteingang. Immer noch nichts. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Nach weiteren 10 min kam ich endgültig in der Realität dieses Augenblicks an: Irgend etwas ist schiefgegangen und nun mußte ich selbst sehen, wie ich an meinen Bestimmungsort kam. Über Umwege kam ich glücklich aber viel zu spät dort an, wo ich hinwollte. Diese Erfahrung scheint unserem Bibelvers entgegenzustehen: Die Hoffnung schwindet, bis nichts mehr von ihr übrig bleibt. Selbst wenn sie, die Hoffnung bekanntermaßen zuletzt stirbt, werden wir in vielen Situationen unseres Lebens an ihr nicht reicher, sondern ärmer. Wir verlieren die Hoffnung, wenn sich die Heilung der Krankheit nicht einstellen will. Wir verlieren die Hoffnung, wenn auch die 30ste Bewerbung abgelehnt wird. In solchen hoffnungslosen Situationen des Lebens klingt es wie eine wirkungslose Durchhalteparole, wie ein Vertrösten auf spätere bessere Zeiten, wenn es heißt, daß wir immer reicher werden an Hoffnung.

Paulus, der den Brief an die Gemeinde in Rom geschrieben hat, in dem unser Vers steht, war kein Schreibtischtäter. Er hat auf seinen Reisen durch Kleinasien oft genug erlebt, wie seine Wünsche und Hoffnungen durchkreuzt und zunichte gemacht wurden. Wie kann er da noch so etwas schreiben? Ganz einfach: Er hat zwar erlebt, wie seine eigenen Vorstellungen von der Zukunft in die Brüche gingen. Er ist aber Gott begegnet und weiß ein für allemal, daß Gott es gut mit ihm meint. Hoffnung meint hier also nicht die menschliche Vorstellung von einer schönen Zukunft. Hoffnung meint hier das unerschütterliche Vertrauen auf Gott, der uns eine Zukunft eröffnet, die über die sichtbare Welt hinausreicht. So kann auch ein sterbenskranker Mensch im Vertrauen auf Gott eine Hoffnung haben, die von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute reicher wird. Selbst wenn er nur noch wenige Tage zu leben hat. Freilich ist die Hoffnung, von der Paulus hier spricht, nur im Gesamtpaket zu haben: Es bleiben nämlich Glaube, Hoffnung, Liebe; diese drei. Wenn Paulus uns wünscht, immer reicher an Hoffnung zu werden, dann geht das nur im Glauben an Gott und in der Liebe, die Gott uns schenkt. So kann man, wenn man auf dem Bahnhof steht und vergeblich auf seine Mitfahrgelegenheit wartet, zwar die Hoffnung an die Zuverlässigkeit von Menschen verlieren. Aber der Glaube an einen Gott, der sich in Liebe und Barmherzigkeit den Menschen zuwendet, bleibt davon unberührt. Die Gewißheit, daß Gott unser Leben reich macht, bleibt selbst in den widrigsten Umständen bestehen. Dann wird auch die Hoffnung reicher, die auf einen gütig sich zuwendenden Gott vertraut.

Momente der Begegnung mit Gott, die jene Hoffnung reicher macht wünscht euch Tilo Linthe.