Es ist vollbracht

Bernd steckt den Schraubendreher in die Tasche seiner Arbeitshose und betrachtet sein Werk. Mehrere Jahre hat er geschraubt, geschleift und gestrichen. Doch nun funkelt er wie neu. Sein Mercedes-Benz SL 380. Ein Cabrio, gebaut im Jahr 1985. Der Oldtimer steht vor ihm, als könnte gerade vom Band gerollt sein. Bernd reibt sich die Hände und murmelt: „Es ist vollbracht.“

Jenny überprüft ein letztes Mal: Die Fenster, das Design, der Text – alles stimmt. Sie drückt auf die Taste. Jetzt ist ihre Internetseite online. Sie hat eine Menge Arbeit reingesteckt, doch jetzt ist alles perfekt. Sie lehnt sich zugleich erschöpft und zufrieden in ihrem Schreibtischstuhl zurück und seufzt: „Es ist vollbracht.“

Erschöpft blickt er über die Straße. In der Ferne sieht er den Felsen mit den zwei Löchern und dem Vorsprung. Mit etwas Fantasie könnten es Augen und Nase eines Gesichts sein, der ganze Felsen ein Schädel. Er hat keine Kraft mehr, bei jedem Atemzug mit den Armen den Körper anzuheben, um Luft zu bekommen. Die Hände reiben kann er sich nicht. Sie sind festgenagelt am Querbalken des Kreuzes. Er spürt den Tod näher kommen. Endlich. Kaum hörbar flüstert er die Worte:

Es ist vollbracht!“ (Johannes 19,30)

Die Worte Jesu wollen nicht recht zu seiner Situation passen. Er hat doch nicht wie Jenny oder Bernd etwas vollbracht. Er hängt am Kreuz und stirbt einen furchtbaren Tod, um etwaige Staatsfeinde abzuschrecken und solche, die auf dumme Gedanken kommen. Das Kreuz ist Sinnbild des Scheiterns. Wie kann er sagen: „Es ist vollbracht?“ Es ist so, als würde ein Boxer kurz bevor er K.O. geht flüstern: „Es ist vollbracht!“ und dann das Bewußtsein verlieren. Der römische Hauptmann, der Wache schieben muß, hätte viel mehr Grund diese Worte zu sagen.

Das Johannesevangelium will uns sagen: Der Schein trügt. Nicht immer ist das, was wir sehen auch das, was geschieht. Besonders hier. Jesus vollendet eine Aufgabe. Das Kreuz ist nicht einfach Sinnbild des Scheiterns, sondern Sinnbild menschlichen Scheiterns. Auf Jesus am Kreuz konzentriert sich aller Widerwille, aller Haß, alles Leid zu dem Menschen fähig sind. Er vereint all das Vorläufige und Vergängliche auf sich, um es mit sich in den Tod zu nehmen – und hinüberzutragen zu Gott dem lebendigen. Nur auf diese Weise kann sich bis heute Leben neu entfalten, wenn wir unsere Unzulänglichkeiten und Untiefen loslassen. Wenn wir sie an ihn abgeben, belasten sie uns nicht mehr. Die Aufgabe Jesu am Kreuz war es, uns zu zeigen, daß Gott nicht unseren Tod will, sondern unser Leben. Wir sollen mit ihm leben in Ewigkeit. Jedes Mal, wenn dieses Wunder des Glaubens geschieht, können wir im Geiste diese geflüsterten Worte hören: „Es ist vollbracht!“